Normal und anders

Dinah Murray BA MA PhD

1997 ‘Normal and Otherwise’ Durham conference Living & learning with autism: perspectives from the Individual the Family and the Professional

aus dem Englischen von Rainer Döhle

Wenn wir die Bandbreite der Verhaltensweisen verstehen wollen, durch die sich der Autismus auszeichnet, müssen wir die Bandbreite der Verhaltensweisen verstehen, von denen wir ihn unterscheiden. Im Jahr 1997 haben Marc Segar und ich die Frage der Normalität angesprochen. Segar und ich stimmen darin überein, dass die normalen Menschen eine Vielfalt und Duplizität an den Tag legen, die beim Autismus fehlt. Eine wesentliche These meiner Arbeit ist die, dass normal nicht notwendigerweise wunderbar ist.

Segars Liste der Regeln des normalen Verhaltens, die dazu dient, seinen Leidensgenossen in dieser Frage zu helfen, ist sowohl sehr lang (und wächst wohl stetig weiter) als auch voller Vorbehalte und Ausnahmen. Wir handeln für gewöhnlich in einer sozialen Umgebung, die sowohl vielfältig als auch in sich unzusammenhängend ist. Die Unmöglichkeit, alle diese Regeln zugleich befolgen zu können, ist offensichtlich - was vielleicht erklärt, warum in der normalen Bevölkerung ein "Drang nach Zentralkohärenz" anzutreffen ist, nicht aber in der autistischen Bevölkerung.

Die Aufspaltung, die für die normale Entwicklung zur Vielfalt entscheidend ist, kann bei der autistischen Störung eine extreme Schwierigkeit darstellen. Statt sich in Komplexität aufzuspalten, neigen die Interessensysteme von Personen mit Autismus zur Tunnelung der Aufmerksamkeit, zum Monotropismus (vgl. die Skizze unseres Modells in Tabelle 1). Donna Williams beschrieb eine Analogie für diesen Gegensatz zwischen sich selbst und normalen Menschen, indem sie es mit einem geschäftigen Kaufhaus verglich, in dem in ihrem Fall jeweils nur eine Warenabteilung geöffnet hat. Es ist die Norm, dass jeweils zahlreiche miteinander konkurrierende Interessen aktiviert sind, dies nennen wir Polytropismus. So bewältigen wir eine komplexe, sich verändernde und nur teilweise vorhersagbare Umwelt: dabei verteilen wir unseren Bestand an Aufmerksamkeit sozusagen dünn, sodass wir ein gewisses Maß an allgemeiner Aufmerksamkeit aufrechterhalten können. Selbst die Flexibelsten unter uns finden diese vielfach aufgeteilte Aufmerksamkeit mitunter anstrengend - wir streben dann meist Entspannung an, indem wir uns Aktivitäten zuwenden, die einen relativ konzentrierten Fokus erfordern.

Ein deutliches Kennzeichnen zur Unterscheidung autistischer von nicht-autistischen Menschen ist der Gebrauch der Sprache. Ich glaube, dass die Schwierigkeiten von Autisten mit der Sprache besonders durch einen weit verbreiteten, aber wenig beachteten Aspekt beim gewöhnlichen Sprachgebrauch verstärkt werden: Wir benutzen Sprache als ein Mittel zur Manipulation (Handhabung) von Interessensystemen. Wir spielen damit nach Maßgabe der Fähigkeiten der beteiligten Personen in Bezug auf Vielfalt, nach Maßgabe unserer Bereitschaft, Veränderungen und Vielfalt zu akzeptieren. Denn Sprache ist dafür gedacht, in die Köpfe von anderen zu gelangen und dort tätig zu werden. Wenn aber, wie Kanner betont feststellte, der Widerstand gegen jede Art von Veränderung ein zentrales Merkmal der autistischen Störung ist, dann wundert es nicht, dass Menschen mit eben diesem Problem Sprache als etwas Negatives erfahren. Sich erfolgreich an einem Gespräch beteiligen bedeutet, zu akzeptieren, dass man Sender und Empfänger ist: Wir wechseln einander ab - es ist immer wieder der andere dran (wie jedes Prinzip wird auch dieses in der Praxis oft missachtet).

Die Bereitschaft von Segar, Williams, Grandin und anderen, sich zu Gunsten anderer einzusetzen, sowie die Bedürfnisse anderer anzuerkennen (dazu die persönlichen Beobachtungen anderer Menschen, vgl. Murray 1995), zeigen, dass auch einem Menschen mit Autismus Empathie mit Sicherheit möglich ist. Segar erklärt, dass ihm "vor allem wichtig ist, dass Menschen mit einer autistischen Störung einen freien Zugang zu seiner Arbeit haben." Es scheint, dass diese Menschen Schwierigkeiten damit haben, ein Bewusstsein für die Bedürfnisse anderer zu entwickeln oder mit diesen Bedürfnissen umzugehen. Doch sobald erst einmal ein solches Bewusstsein anfängt, sich zu entwickeln, insbesondere im Angesicht des Leidens, das ihre Mit-Betroffenen manchmal durchmachen, entsteht oft auch plötzlich ein offener und von Begeisterung durchdrungener Wunsch zu helfen.

Wie ist es, sich den Bedürfnissen anderer "bewusst" zu sein? Wie soll man darauf antworten? Wenn keine bestimmten Gefühle damit verbunden sind, werden Interessen nur in weniger ausreichendem Maße geweckt als es nötig wäre: In unserem Modell sind alle geweckten Interessen emotional aufgeladen. Ich vertrete die Annahme, dass das Bewusstwerden der Bedürfnisse eines anderen in den meisten Fällen die Erfahrung eines Wechsels des emotionalen Zustands, das Akzeptieren von neuen, fremden, Gefühlen mit sich bringt (nicht notwendigerweise anstelle des üblichen emotionalen Zustands, sondern parallel dazu). Daher kann auch hier der von Kanner festgestellte Widerwillen gegen Veränderungen von Bedeutung sein. Das fremde Gefühl ist vielleicht unangenehm, vielleicht erscheint es auch als aufdringlich: es kann sich überwältigend mächtig anfühlen, ohne dass man sie je als eine ganz bestimmte Emotion identifizieren könnte. Oder seine Intensität kann als Wut missverstanden werden, sodass auf diese Weise Ängstlichkeit, Emphase, Aufgeregtheit und hektische Betriebsamkeit hervorgerufen werden. Wenn dagegen das Gefühl, dass durch das Erkennen der Bedürfnisse oder Wünsche anderer entsteht, vertraut ist - etwa wenn die betroffenen Menschen ein gemeinsames Ziel haben -, dann können auch Beteiligte mit Autismus in der Lage sein, mit den Gefühlen anderer umzugehen und eine Bewusstheit wie andere auch entwickeln.

Powell und Jordan fassen die Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Möglichkeiten, sich dem Autismus und dem Lernen zu nähern, so zusammen: "Das Lernen bei Schülern mit Autismus kann deutlich verbessert werden, wenn man Aufgaben wählt, die sowohl für die Lehrkräfte als auch für die Schüler hochgradig motivierend wirken und an denen beide Spaß haben. Dies scheint der wahre therapeutische Kontext zu sein, in dem der Schüler das Teilen von Gefühlen, die nicht natürlich und spontan im Lauf der frühen Entwicklung auftreten, erleben kann" (S. 167).

Ich glaube, dass das Unbehagen gegenüber Veränderungen bei Menschen mit Autismus eine Folge ihrer getunnelten Aufmerksamkeit, das heißt ihres Monotropismus ist. Es bedeutet für sie einen ziemlichen Ruck, in einen neuen Tunnel gestürzt zu werden. Dadurch fühlen sie sich schlecht. Daher erweist es sich für sie als wesentlich angenehmer, wenn man mit ihnen auf der Basis ihrer eigenen Interessen umgeht, als wenn man ihnen die eigenen drückenden Interessen aufbürdet. Auf lange Sicht ist so das Ergebnis ein Mensch, der sich besser zurecht findet und der zufriedener ist.

Das Erzeugen eines gemeinsamen Wohlbefindens ist bei Autismus von besonderem Wert. Wenn wir das erreichen, können Menschen mit Autismus, auch wenn ihre Tendenz zum Monotropismus bestehen bleibt, damit beginnen, auf die Interessen anderer angemessen zu reagieren. Sie zeigen dann ausreichend Aufmerksamkeit gegenüber anderen Menschen, um Hinweise dafür zu erlangen, wie sie darauf reagieren können. Eine weitere Möglichkeit, in einem autistischen Menschen ein Interesse daran zu wecken, was andere Menschen wollen, ist es, dafür zu sorgen, dass derjenige genug darüber lernen möchte, wie er Probleme für sich vermeidet. Auch wenn das ein Weg ist, ein gewünschtes Ergebnis zu erzielen, ist es doch unwahrscheinlich, dass so eine Begeisterung für Empathie oder für das Mitfühlen, wie es andere Ansätze für sich beanspruchen können.

Was also ist eine "angemessene Reaktion" auf die Interessen anderer - was ist die Reaktion, die man von einer sozial beteiligten Person erwarten kann? Im besten Fall wird die Angemessenheit zweiseitig sein und beide Seiten des Austausches durch "Wohlbefinden" zufriedenstellen. Dazu gehört, a) dass jeder auch von den Zielen des anderen angezogen wird und so ein gemeinsames Interesse mit ihm teilt und b) dass dieses Interesse gezeigt, irgendwie ausgedrückt wird. Eine "angemessene" Reaktion behinhaltet zumindest Verhaltensweisen, die von der Pflegekraft als relevant für ihr gemeinsames Interesse erkannt wird. Ein Nicken mit dem Kopf, die Körpersprache, die Blickrichtung, das Ausführen von Aufgaben, dies alles kann entsprechende Hinweise liefern, ebenso die Sprache. Doch egal wie gewissenhaft wir diese Hinweise beizubringen versuchen, ohne das Erlebnis gemeinsamer Interessen gibt es keine Motivation, sie spontan anzuwenden. Für jemanden, der sich zwar der Wünsche und Erwartungen anderer bewusst ist, ihre Interessen aber nicht teilt, werden diese Hinweise nur Werkzeuge der Täuschung. Was die Sache noch schlimmer macht, ist, dass eine perfekte Übereinstimmung von jeweils geweckten Interessen zwischen verschiedenen Menschen im Alltag eher die Ausnahme ist. Religiöse Glaubensausübung, Sportveranstaltungen, Konzerte, Filme, Aufführungen, Parties, Feuerwerke und (auf häuslicher Ebene) das Fernsehen, das alles können Gelegenheiten für eine kurze, vollkommene Übereinstimmung von Interessen darstellen.

Ein Austausch gemeinsamer Gefühle kann ganz allgemein motivierend wirken, wie Goldings Stück "Beyond Compliance" (auf deutsch etwa: "Jenseits der Konformität") überzeugend zeigt. Gemeinsame Gefühle stellen offensichtlich eine emotionale Erfahrung dar: eine, bei der Interessen in hohem Maße angeregt werden (im besten Fall ohne zu Überforderung zu führen) und bei der starke Verbindungen geschaffen werden können. Sie sind nicht nur deswegen wünschenswert, weil sie zu Wohlbefinden bei allen Beteiligten führen, sondern weil sie der autistischen Person dabei helfen, zu lernen, das heißt, innerhalb des gemeinsamen Aufmerksamkeitstunnels, neue Informationen aufzunehmen. Daher werden sowohl Lehrer als auch Pflegekräfte die Vorteile nutzen können, wenn Möglichkeiten zur Erzeugung freiwillig geteilter Aufmerksamkeit gefunden werden.*

Auf den ersten Seiten der Textsammlung habe ich Jordan und Powell zitiert, die "annehmen, dass es vier miteinander verbundene Merkmale des autistischen Denkens gibt: erstens, die Art, wie Informationen wahrgenommen werden; zweitens, die Art, wie die Welt erlebt wird; drittens, die Art, wie Informationen codiert werden, sowie viertens, die Rolle der Gefühle als ein Kontext, in dem Vorgänge stattfinden oder nicht stattfinden" (S. 4). Diese Annahmen unterscheiden sich deutlich von Wings "Triade der Störungen" oder von allen anderen Listen mit Merkmalen für diagnostische Zwecke. Es sind Annahmen, die eine phänomenologische Anstrengung erfordern, um sie aufzugliedern; Ich will hier diese Anstrengung unternehmen und das Konzept eines Interessenkontos des Verstandes vorstellen, zum Teil weil ich die Rolle der Gefühle in unserem Modell klären möchte.

Im verbleibenden Teil des Aufsatzes will ich die Verbindungen zwischen Powells und Jordans vier Annahmen innerhalb des Kontextes unseres Modells darstellen.

Wahrnehmung

Wie Jordan und Powell zurecht festgestellt haben, "ist die Beziehung zwischen der Idee und der Wahrnehmung eine transaktionale; beide entwickeln sich mittels einer Interaktion mit der anderen" (S. 5). In unserem Modell werden Wahrnehmungen automatisch mit Interessen über die Verteilung der Aufmerksamkeit verbunden. Interessen werden ständig durch Reize aus der Umwelt angepasst: ihr Grad an Veränderung der Erregung der Aufmerksamkeit und die Entfernungsmatrixen, das heißt deren Beziehung zu anderen Interessen, verändern sich ebenfalls. Mit anderen Worten, unsere Vielfalt erlaubt es uns, uns schnell anzupassen und flexibel zu sein, neue Wahrnehmungsinformationen wird schnell in einen sehr umfangreichen und absorbierenden, prä-existierenden Kontext integriert. Diese Hintergrundinformationen ist bei uns normalen Menschen zum Teil kulturell determiniert; alles, was wir wahrnehmen, kann benannt werden: Unsere Interessen sind auf standardisierte Art und Weise miteinander durch unseren Austausch mit anderen Mitgliedern unserer Gesellschaft verbunden.

Die integrative Funktion eines Interessensystems muss ganz wesentlich von der Fähigkeit des Einzelnen, feste Strukturen in seiner Umgebung zu erkennen, abhängen. Für die meisten von uns bietet die Alltagskultur einen riesigen Bestand an solchen Strukturen. In einem relativ monotropischen Interesensystem dagegen, das, verglichen mit unserem, nur ein Minimum an Verbindungen erreicht hat und das einer Modifikation durch die Erwartungen anderer nicht zugänglich ist, wird für Wahrnehmungen viel weniger Raum zur Integration sein, sodass sie nicht verarbeitet werden können und für den Betroffenen keinen Sinn ergeben.

Zugleich werden Wahrnehmungen innerhalb eines Aufmerksamkeitstunnels wegen ihres Potenzials für einen engen Fokus besonders intensiv und stark sein, währens alles außerhalb bedeutungslos und unklar erscheint. Eine weitgehende Zusammenhanglosigkeit der Wahrnehmung wird bei Autismus oft berichtet. Menschen, die sich mit autistischen Personen beschäftigen, gewöhnen sich an deren manchmal sehr emotionale Ausbrüche, die als Reaktion auf zum Teil scheinbar nebensächliche Ereignisse erfolgen. Ich glaube, dass diese Ausbrüche die Folge der starken Intensität der Wahrnehmung ist, die durch ihre besonders fokussierte Aufmerksamkeit und die Abruptheit, mit der sie Veränderungen im Fokus erleben, verursacht werden.

*Zusammengefasst kann man sagen, dass Wahrnehmungen beim Autismus entweder extrem intensiv oder schwach und unscharf sind, sie neigen auch oft dazu, isolierte, unzusammenhängende Erfahrungen zu sein, die nicht mit den Bedeutungen anderer Interessen und Beweggründe integriert bzw. von ihnen durchdrungen sind. Um es mit Powell und Jordan auszudrücken: "Die physischen Eigenschaften von Gegenständen können stärker hervortreten als ihre funktionale, emotionale oder soziale Bedeutung."

Das Erleben der Welt

Powell und Jordan argumentieren, dass "eine Reihe von Phänomenen im Denken und Verhalten von Autisten (z.B. Schwierigkeiten bei Handlungen, beim Gebrauch von Pronomen, bei der Erinnerung persönlicher Erlebnisse) die Schlussfolgerung zulässt, dass die Beziehung zwischen dem Ich und dem Erleben beim Autismus einzigartig ist" (S. 6-7). Ich schlage vor, dass die normale, nicht-autistische Art dieser Beziehung das Ergebnis eines besonderen Gebrauchs der bei normalen Menschen vorhandenen Fähigkeit zur Vielfalt ist. Die Menschen geben intern in ihrer Vorstellung sich selbst und vorgestellten anderen Personen (Publikum, Zeugen, Richter, Freunde) Rechenschaft, sodass im Kopf eine Art Erzählung oder Geschichte (die meist, aber nicht immer verbalisiert wird) entsteht, in der sie selbst eine zentrale Rolle einnehmen. Vergleiche dazu auch die Tabelle, in der diese Punkte in philosophischer Perspektive dargestellt werden.

Diese internen Vorführungen erzeugen normalerweise sowohl ein Gefühl für das eigene Ich als auch die Fähigkeit zur Reflektion und zur emotionalen Bewertung, die Jordan und Powell als ganz wesentlich beim effektiven Erlernen dessen, was um einen in der Welt vorgeht, sind. Dies geschieht durch die Aufteilung in ein agierendes Ich und eine darauf reagierende Person, die offenbar aus dieser Internalisierung der Gefühle anderer geschaffen wird, einem Vorgang, der bei Autisten besonders problematisch ist (siehe oben). Diese Geschichten, die wir uns selbst (und anderen) erzählen, reorganisieren selektiv unsere Erinnerungen und geben ihnen eine handhabbare Form, in der sie dann erneut dargestellt werden können. Ich denke, das ist es, was Marc Segar mit dem "Plot" (also dem Handlungsablauf) meint.

*Zusammengefasst kann man sagen, dass der Grund für den Mangel eines Gefühls der Selbst-Erfahrung darin liegt, dass die Vorstellung des Ichs ein Epiphänomen bei der inneren Aufführung von Geschehnissen ist. "Die Präsentation des Ichs im Alltag" wird eher durch das Bewusstsein von Vorstellungen anderer Menschen motiviert als von den eigenen.

Erinnerung/Speichern von Informationen

In unserem Modell ist ein wesentlicher Unterschied zwischen der autistischen und der nicht-autistischen Speicherung von Informationen die Isolierung der in monotropischen Interessensystemen vorhandenen Erinnerungen bzw. ihrem Mangel an Verbindungen. Man erinnere sich daran, dass die Wahrnehmungen in der Regel nicht integriert oder interpretiert werden. Wenn Erinnerungen abgrufen werden, sind sie meist nicht miteinander verbunden und ohne Kontext und das Abrufen hängt dann von einem sehr engen Set an für die Erinnerung relevanten Hinweisen ab. Diese Unverbundenheit ist auch für das verantwortlich, was wir in autistischen Berichten und Erinnerungen als "fehlende Tiefe" oder "Mangel an emotionalem Gehalt" charakterisieren. Es kommen keine sachfremden Überlegungen mit ins Spiel.

Unsere Autoren formulieren es so, dass Menschen mit Autismus "wohl in der Lage sind, zu handeln, nicht aber über diese Handlung auf eine Art und Weise nachzudenken, dass sie zu einer bedeutsamen Lernerfahrung wird." Wie oben besprochen, kommt es beim Autismus nicht zum spontanen Auftreten der internen Aufführung vor einem reagierenden Publikum, was ja der entscheidende Mechanismus der Reflektion ist. Daher besteht ein weiterer wesentlicher Unterschied für autistische Menschen darin, dass Erinnerungen nicht erzählt und wiedererzählt werden und nicht in Erzählungen mit einem zentralen Darsteller umgeandelt werden. Sie werden nicht verändert und nicht in für soziale Aktionen verfügbare Einheiten verpackt. Sie werden nicht im Lichte der zu verschiedenen Zeiten auftauchenden Interessen geprüft und gegengeprüft.

Das Fehlen dieser reflektiven Schleife bei Autisten ist auch für ein generelles Problem der Selbst-Steuerung verantwortlich, das bestimmte Folgen für das Abrufen von Erinnerungen hat. Nicht nur gibt es relativ wenige für die Erinnerung relevante Hinweise, sondern der Zugang zu ihnen liegt meist auch nicht in der Hand der jeweiligen Person.

Emotionen

Jordan und Powell gehen davon aus, dass, "obwohl Menschen mit Autismus auch Gefühle erleben, es weit weniger eindeutig ist, ob sie Gefühle zur Bewertung von Situationen einsetzen und ihnen eine persönliche Bedeutung verleihen können" (S. 9). Dann fahren sie fort, indem sie die jüngste Forschung zitieren und eine Verbindung zwischen Gefühl und Denken, Emotion und Kognition, herstellen. In unserem Modell ist Kognition immer emotional, weil das Wecken von Interesse von Natur aus emotional ist - oder, aus einem anderen Blickwinkel betrachtet: Emotionen führen von Natur aus zu Aufmerksamkeit. Selbst reines Interesse tritt in verschiedenen Intensitätsgraden auf und man kann es am Gesichtsausdruck ablesen wie jede andere Emotion auch, auch wenn sie, anders als die meisten anderen Emotionen, normalerweise nicht zu einem Overload führt.

Der kognitive Akt der emotionalen Wertschätzung, den die Autoren als ganz entscheidend ansehen, hängt von dem reflektiven Feedback über den Dualismus der Rollen von Agierendem und Reagierendem, wie sie oben besprochen wurden, ab. Es ist von entscheidender Bedeutung, eine Unterscheidung in der Funktion dieser Rollen zu treffen und beide zugleich übernehmen und ausüben zu können. Es kommt vielleicht nicht immer darauf an, dass diese Rollen in der Vorstellung auch von verschiedenen Personen übernommen werden, aber ich nehme an, dass im Normalfall die verschiedenen Funktionen durch das Bewusstsein der Gefühle anderer, wie oben beschrieben, entstehen. Jordan und Powell weisen besonders darauf hin, dass die Gegenwart einer realen Person, der man Fragen stellen und die einem beim Aufbau des Selbst-Bewusstseins fördert, dabei helfen kann, diesen Mangel bei Autisten auszugleichen, besonders, wenn man als langfristiges Ziel die Übergabe dieser Rolle an das Bewusstsein des autistischen Menschen selbst ansteuert.

Die zentrale Rolle, die die innere Aufführung mit emotionaler Bewertung beim normalen Denken spielt, besteht darin, herauszufinden, wie sich sowohl Möglichkeiten als auch Gefühle anfühlen, wenn man sie vor dem eigenen Interessensystem "abspielt". Dieselbe Möglichkeit oder Erinnerung kann wieder und wieder abgespielt werden, um zu prüfen, welche gefühlsmäßigen Reaktionen jeweils auftreten. Damit eine emotionale Wertschätzung stattfinden kann, ist es wichtig, dass zumindest erkannt wird, ob die eigenen Gefühle angenehm oder unangenehm sind. Wir wissen aus zahlreichen Berichten, dass genau diese Identifizierung oft ein Problem für Menschen mit Autismus ist.

An dieser Stelle möchte ich zu dem zurückkehren, was ich die Manipulation (Handhabung) der Interessensysteme von Menschen genannt habe. Damit ist eine tatsächlich-faktische, keine bewertende Beschreibuing gemeint: Es bedeutet, dass die Interessen anderer aufgenommen werden und versucht wird, sie mit den eigenen in Übereinstimmung zu bringen. In Verbindung mit dem sich jeweils abwechseln, das anfangs beschrieben wurde, bedeutet das auch, dass andere die eigenen Interessen aufnehmen. Im Endeffekt führt ein erfolgreiches Gespräch dazu, dass beide Seiten ihre Interessensysteme so gegenseitig verändern, dass deren Ähnlichkeit maximiert wird. Das ist angenehm, wenn es funktioniert und die Gefühlswelten beider Seiten miteinander harmonieren. Das hat weit reichende Konsequenzen. Diejenigen, die an einem solchen Spiel teilnehmen, besitzen Emotionen, die immer wieder an die der übrigen Mitglieder der Gesellschaft angepasst werden. Diejenigen dagegen, die nicht frühzeitig an diesem Spiel teilnehmen können, haben Schwierigkeiten damit, sich darin hineinzufinden, selbst wenn sie dies wollen. Darüber hinaus führt der Mangel an reflektiven Schleifen bei Autisten dazu, dass ihnen das eine Mittel fehlt, mit dem Menschen ohne Autisten eine interne Kontrolle über ihre Emnotionen ausüben, wie inadäquat dieses Mittel auch immer sein mag.

Zusammengefasst kann man sagen, dass bei Menschen mit Autismus Emotionen nicht integriert werden, weder intern innerhalb der Person noch extern innerhalb der Gesellschaft insgesamt. Diese Emotionen autistischer Menschen sind nicht an diejenigen anderer Menschen angepasst und sind daher sowohl für andere Menschen als auch für den Menschen selbst, der sie erlebt und ausdrückt, schwer zu erkennen. Da sie nicht "dünn" verteilt sind, neigen sie manchmal zum Overload. Zudem sind Emotionen, wenn keine Reflektion vorhanden ist, zum einen außerhalb der Kontrolle des Betroffenen, zum anderen können sie nicht zur Bereicherung der Bedeutungen ihrer Erinnerungen verwendet werden.


Früher oder später lernen die meisten Menschen mit Autismus genug, um ihr Verhalten und ihre Emotionen kontrollieren zu wollen. Segars Regeln sprechen diese Schwierigkeiten direkt an, ebenso Jordans und Powells Leitfaden darüber, wie man die Reflektion und das Selbst-Bewusstsein unterstützen kann. Die Betonung der gegenseitigen Freude, die überall in ihrer Sammlung zu spüren ist, lässt diese Schwierigkeiten weniger gravierend erscheinen. Doch es berührt das entscheidende Thema der Motivation und es kann tief greifende Auswirkungen auf das Selbst-Bewussstsein und Selbstvertrauen sowohl bei einem selbst als auch bei den Menschen im persönlichen Umfeld haben. Stephanie Lords Beschreibung darüber, wie bei einem Tanz und im Kontext der Bewegung gegenseitige Unterstützung gegeben wird, ist eine schöne wörtliche Illustrierung dieses Prozesses.

Menschen mit Autismus müssen in einer Welt, die sowohl beängstigend als auch überwältigend erscheint, in der Regel ohne die reiche und vielfältige Unterstützung auskommen, die normale Gegenseitigkeit bietet. Die Tatsache, dass ihnen andere Menschen als so schwierig erscheinen, bedeutet nicht, dass sie sie nicht brauchen. Sie brauchen eine freundschaftliche Partnerschaft mit Menschen, die sensibel auf ihre Störung reagieren und ihren Kampf anerkennen und respektieren. Sie brauchen dies auf einer praktischen Ebene und sie brauchen es auf einer emotionalen Ebene.

Tabelle 1: Selbst und Erzählung

George Mead

Die Entwicklung eines "vollständigen Ichs" beinhaltet, "dass die Ansichten der organisierten sozialen Gruppe, der man angehört, übernommen werden..."; der Einzelne muss "die Ansichten der anderen über ihn annehmen, besonders die Rollen jener, die ihn in mancher Hinsicht kontrollieren und von denen er abhängt." Man "muss in sich selbst Reaktionen erzeugen und man muss Reaktionen in anderen erzeugen."

Jean-Paul Sartre

Das vor-reflektive Bewusstsein ist nicht-themenbezogen, nicht-narrativ, vor-personal. Reflektives Bewusstsein ist verbalisiert, narrativ und erzeugt das Ich. Das Ich ist ein Objekt des Bewusstsein, das in einem Akt der Reflektion geboren wird. In böser Absicht gebe ich vor, zu sein, was ich nicht bin und gebe vor, nicht zu sein, was ich bin. Die böse Absicht versteckt eine unangenehme Wahrheit oder sie präsentiert die Wahrheit als eine angenehme Unwahrheit. Ich rutsche von meinem Für-mich-Sein in ein Für-andere-Sein wie ein Kellner, der sich bereit macht, sich dem Publikum zu stellen. (Zusammengefasst von Dr. J. Mason).

Tabelle 2: Ein Modell des Verstandes

Das Modell basiert auf dem Konzept des Interesses. Dieses Wort wird wie im Alltagssprachgebrauch verwendet. Es hat allerdings eher die Bedeutung von Interesse an einem Thema als Interesse an einem Vorteil. (Leider ist nicht alles, was uns interessiert, auch in unserem Interesse im Sinne von: für uns zum Nutzen).

Das bedeutet, dass der Output des Systems keine einfache Beziehung zum Input aufweisen muss. Dieses System wurde in einer räumlichbestimmten Differenzialgleichung dargestellt. Diese Gleichung wurde in ein in C geschriebenen Programm eingebaut. Es wurde auf einem Cray-Computer im damaligen SERC Atlas Computer Centre Didcote Oxon und auf einem MasPar Multi CPU Array-Computer an den Goddard Jet Propulsion Laboratories der NASA in Washington D.C. abgespielt. Visualisierte Darstellungen der Daten, die diese Computersimulationen produziert haben, zeigten, dass dass System tatsächlich neue Eigenschaften bildet. Das bedeutet, dass das Modell nicht nur Interessen produziert, die im Ausgangsstadium nicht vorhanden waren, sondern dass es auch Interessen produziert, die keine unmittelbare Verknüpfung mit anderen Interessen aufweisen. Dies kann als analog zur kreativen Funktion im menschlichen Verstand angesehen werden.

Bibliography

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Powell, Stuart D. And Jordan, Rita R. Eds. (1997) Autism and Learning, David Fulton London.

Murray, Dinah KC (1995) An Autistic Friendship (Eine autistische Freundschaft) in collected papers of Durham Proceedings: obtainable from Autism Research Unit, University of Sunderland, SR2 7EE, or from the National Autistic Society, 276 Willesden Lane, London NW2 5RB. See also papers in the 1992, 1993 and 1996 volumes in the same series.

Sartre, Jean-Paul,(1943/1956) Being and Nothingness, Penguin.

Segar, Marc (1997) A Guide for Coping Specifically for people with Asperger's Syndrome (Überlebensstrategien für Menschen mit Asperger Syndrom) Williams, Donna (1994) Somebody Somewhere, London, Doubleday

 

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