Verstand als dynamisches System: Implikationen für den Autismus

Mike Lesser und Dinah Murray

1998 Lesser, M.J. & Murray, D.K.C. “Mind as a dynamical system: Implications for autism”, Durham conference Psychobiology of autism: current research & practice

In den letzten zwanzig Jahren wurden nichtlineare dynamische Systeme intensiv untersucht. [1,2,3,4,5] Beispiele hierfür sind das Strömen von Flüssigkeiten, der Zusammenbruch von technischen Strukturen, die Entwicklung des Phänotyps aus dem Genotyp und die menschliche Vorstellungskraft. Diese Systeme zeigen, obwohl sie nur wenig veränderlichen Kontrollparametern unterliegen, plötzliche Veränderungen und sogar das Auftreten vorher nicht vorhandener Merkmale.

Ein solches Erscheinen bis dahin unsichtbarer Eigenschaften eines Systems markiert - und ist selbst - das spontane Auftauchen neuer Information. Wir müssen uns davor hüten, Information als lokal gespeicherte Größe zu verstehen. Es gibt kein Gesetz der Erhaltung von Information. Wir sollten daher das spontane Auftreten und Verschwinden von Information beobachten. Früher gab es kein Leben auf diesem Planeten. Früher gab es keinen Planeten. Inzwischen ist all das entstanden.

I. Das Interessensystem

Wir glauben, dass der Verstand seine Umgebung abbildet (modelliert) und so die Fähigkeit zur Vorhersage erhöht. Wir gehen davon aus, dass der Verstand Sinneseindrücke, sowohl die gegenwärtigen wie die früheren, mit Handlungen verknüpft. Unser Modell bietet eine Beschreibung der zugrunde liegenden Arbeiten von Tolmans kognitive Karte. [6,7]

In unserem Modell beschreiben wir die Verbindung zwischen Erfahrung und Handeln mittels einer algebraischen Gleichung, die aus ökologischen Untersuchungen entwickelt wurde, die von Peter Allen und Mike Lesser [8]. durchgeführt wurden. In diesem ökologischen Modell besteht zwischen einer spontan auftauchenden Hierarchie von Lebensformen ein Wettbewerb um eine fundamentale und begrenzte Ressource, die Sonneneinstrahlung. In unserem Modell ist die mentale Aufmerksamkeit die fundamentale und begrenzte Ressource. Mentale Ereignisse, die wir als Interessen beschreiben stehen in Wettbewerb um Aufmerksamkeit und nehmen diese in Anspruch. Wir verwenden den Begriff Interesse entsprechend dem alltäglichen Sprachgebrauch.

Interessen haben die folgenden Eigenschaften:

1.0 Interests können mehr oder weniger erregt sein.

1.1 Der Grad der Erregung ist eine Funktion des Ausmaßes seiner emotionalen Ladung.

1.2 Interessen sind in so vielen verschiedenen Wegen erregt wie es Emotionen gibt, aber um die Menge der Berechnung zu reduzieren und die Presentation zu vereinfachen modellieren wir nur Atraktivität, eine fundamentale Reduktion aller anderen Emotionen.

2.0 Interessen stehen im Wettbewerb um Aufmerksamkeit, die sie verbrauchen.

3.0 Die Eregung der Interessen ist durch Sinnesempfindung modifiziert.

4.0 Interessen erregen sich gegenseitig.

4.1 Die Persönlichlichkeit eines Individuums ist genauso durch die Muster der gegenseitigen Erregung seiner Interessen determiniert wie durch die Natur dieser Interessen an sich.

5.0 Die Erregung von Interessen ist autokatalytisch.

6.0 Interessen erzeugen Handlung.

7.0 Interessen werden von den Handlungen verbraucht, die sie erzeugen.

 

II. Ein Modell des Interessensystems

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Das Modell wird als ein Paar räumlich bestimmter Differenzialgleichungen ausgedrückt. Unser mathematisches Modell des Interessensystems ist eine dicht miteinander verbundene hoch diffusive Matrix. Dennoch produzieren die Gleichungen Größen, die deutlich sowohl voneinander als auch vom gemeinsamen Hintergrund verschieden sind. Das heißt, dass das Modell trotz der starken Diffusionsterme der Gleichung eine Landschaft mit bestimmten Merkmalen erzeugt. Wir bezeichnen diese bestimmten Merkmale als Interessen. Interessen sind dynamische Objekte, Muster eines für kurze Zeit stabilen Flusses, die durch Felder positiven und negativen Feedbacks und durch die Zufälle des Geschehens produziert werden. Sie haben keine unabhängige Existenz. Die besondere Rolle, die jedes einzelne spielt, hängt vom Status des ganzen Systems ab.

Wir bilden ein Modell der Umwelt des Verstandes durch eine kleine Störung bei dem Wert jeder Zelle in der Matrix bei jedem Zeitschritt. Dies ist eine Strategie, die in der ökologischen Mathematik verwendet wird, um eine neutrale Umwelt zu schaffen.Wir nutzen diese Strategie in der Version des Modells in der Darstellung, um dessen allgemeine Merkmale zu bewahren. Tatsächlich glauben wir, dass die Umwelt des Verstandes nicht neutral ist; vielmehr ist sie Träger von Informationen. Informationen in der Umwelt werden durch eine einseitig verzerrte Störung dargestellt. Soziale Transaktionen gehen in das Modell ein, indem der Output eines Modells verwendet wird, um zur Annahme des Inputs eines anderen Modells beizutragen, mit dem es eine Umwelt gemeinsam hat.

 

II i Die Korrespondenz zwischen Modell und Verstand.

Der Wert eines Modells hängt sowohl von dessen Konformität mit und von seinem Unterschied zu seinem Gegenstand ab. Unser Modell des Verstandes unterscheidet sich vom Verstand selbst vor allem dadurch, dass es im kulturellen Raum und in den Schaltkreisen eines Computersa stattfindet und weniger als Teil unserer Vorstellungen über die Funktionsweise einer lebenden Person. Der Wert dieses Unterschiedes liegt darin, dass mit dem Modell wiederholbare Experimente durchgeführt werden können. Was das Modell uns aber lehren kann, hängt von der Korrespondenz des Modells zu seinem Gegenstand ab. Ich werde nun einige der wichtigsten Merkmale der Konformität dieses Modells mit dem derzeitigen Wissen um die Funktionsweise des Verstandes darstellen.

II i a Mentale Entwicklung.

Wir bilden ein Modell der Entstehung der Landschaft des Alltagsverstandes als eine Funktion des sensorischen Inputs und des entsprechenden Status des Systems selbst, der im wesentlichen dessen Vergangenheit entspricht. Wir bilden ein Modell von drei bestimmten Lernprozessen. Das Ergebnis jedes dieser drei Prozesse besteht darin, dass neue Interessen im System etabliert werden.

II i b

Interessen besetzen mehr als eine einzelne Zelle in der Matrix. Sie sind zusammengesetzt, vielfältig und haben zahlreiche Facetten, sind also nicht homogen oder monolithisch. Sie sind eher Gestalt als Ideal. Neue Interessen gehen in das System als Unterkomponenten bestehender Interessen, als abweichende Apekten derselben Sache ein.

II i c

Interessen entstehen im Modell durch einen Prozess periodischer, schneller und scharfer Gabelungen. Die Schaffung von Interessen durch Gabelungsmodelle bildet ein Modell des einfachen linearen Lernprozesses, den man als einen Pawlowschen bezeichnen kann. Solche Interessen sind im Modell räumlich miteinander verbunden.

II i d

Es gibt, zusätzlich zur einfachen Assoziation, noch einen weiteren Weg, durch den innerhalb des Systems neue Interessen entstehen können. Die Population der Interessen wird gelegentlich vergrößert durch das plötzliche Auftauchen von Clustern neuer Interessen. Unsere zunehmende Fähigkeit, plötzliches Auftauchen zu beschreiben, das heißt die Art und Weise, wie neue Attraktoren plötzlich in komplexen Systemen erscheinen, beleuchtet viele bis dahin unklare Aspekte der Entwicklung natürlicher Objekte. Wir beginnen zu verstehen, wie komplexe Systeme Transformationen ihrer fundamentalen Identität durchlaufen. Außerdem bietet unsere Fähigkeit, komplexes und plötzliches Auftauchen zu beschreiben, uns Werkzeuge, mit denen wir die Mechanismen beschreiben können, die der Inspiration, der Einsicht und der Intuition zugrunde liegen, womit sich das Argument widerlegen lässt, dass der Verstand einfach und linear arbeitet. Die Gleichungen entwickeln sich stetig, erzeugen aber zugleich Diskontinuitäten und bilden Modelle sowohl des systematischen Denkens wie der spontanen geistigen Kreativität.

II ii

Die Neigung des Systems dazu, neue Interessen aufzunehmen und die darauf folgende Dichte oder Menge der Interessen, die im System zu einem bestimmten Zeitpunkt vorhanden ist, ist eine Funktion der Stärke der inhibitorischen Feedback-Felder des Systems. Wir glauben, dass die Dichte der Interessen, die das System aufrecht erhält, von fundamentaler Bedeutung für das Verständnis der Verhaltensweisen ist, die mit Autismus assoziiert werden. Wir kommen gleich auf diesen Punkt zurück.

II iii

Unser Modell maximiert seine Symmetrie, wenn es ungestört ist. Das heißt, solange das Modell nicht gestört ist, strebt es spontan danach, seinen Informationsgehalt zu minimieren. Dies tut es nicht, indem es einfach Interessen auslöscht (durch Vergessen), sondern indem es die internen Unterschiede minimiert, die im gesamten Interessensystem vorhanden sind. Wenn das Erreichen globaler Symmetrie dem entspricht, was in unserem Verstand passiert, wenn wir schlafen, dann könnte das Träumen eine art rudimentäres Bewusstsein über diesen Prozesses sein.

II iv

Die eindimensionale Voltaera-Lotke-Gleichung erreicht ein Gleichgewicht in einem zyklischen Attraktor. Unsere, verräumlichte, Version der Gleichung kann sowohl deren mikro- wie das makrozyklische Verhalten darstellen. Wir vermuten daher, dass zyklische Verhaltensweisen wie der Schlaf-Wach-Zyklus und der Atemzyklus durch ähnliche Mechanismen erzeugt werden wie das Schaukeln, Flattern und Tippen. Zyklische Verhaltensweisen dieser Art können auch mit psychologischen Zyklen wie Neugier/Sicherheitsbedürfnis und Sünde/Vergebung verbunden sein. Wir vermuten, dass zyklisches Verhalten eher Teil der Bühne und weniger Teil des aufgeführten Stückes ist.

Ganz allgemein könnten wir sagen, dass wir glauben, dass es einfach nicht genug Platz für all die Dinge in unserem Kopf gibt, als dass diese geraden Linien folgen könnten. Es erscheint einfacher, sich vorzustellen, dass sich unser Verstand in Kreisen bewegt. Formaler ausgedrückt glauben wir, dass die mentale Landschaft eher aus Prozessen als aus Zuständen besteht und dass diese Prozesse eher von zyklischen Attraktoren als von punktförmigen Attraktoren zusammengehalten wird

II v

An diesem Punkt der Entwicklung unserer Gleichungen haben wir versucht, nur die wesentlichen Mechanismen zu kartographieren. Die Sprache und das Ego sind zwei Bereiche des vorgeschlagenen Systems, die, auch wenn sie nicht extra im Modell dargestellt werden, eine besondere Erwähnung erfordern. Wir glauben, dass die meisten Menschen ein in das allgemeine Interessensystem eingebettetes ausgearbeitetes Untersystem von Interessen haben, das ihrem Wissen von der Sprache entspricht. Die Manipulation von Interessensystemen ist eine wichtige Funktion der Sprache und eine direkte Folge der Sprache als einem Verstärker der Phantasie. Eingebettet in das Sprachsystem ist ein ausgearbeitetes Untersystem, das dem entspricht, was wir über uns selbst wissen. Sprache bringt in hohem Maße verstärktes Detail, Dauer und Mitteilbarkeit in das System der Selbstinteressen, doch sind diese Interessen in ihrer Struktur identisch mit dem Rest des Interessensystems.

Das Ego in seiner Selbstwahrnehmung ist nicht das vorrangige bewegende Moment in unserem Modell. Wir glauben, dass es die Alchemie der Sprache ist, die den scheinbar unabhängigen Akteur erzeugt und Aktivität in transitives Verhalten umwandelt. Wir glauben, das die Vorstellung des Handelns und das Handeln selbst eine Möglichkeit ist, und zwar eine unter vielen, mittels derer man sich die Welt vorstellen kann. In unserem Modell ist das Ego das spontane Auftauchen eines Vorstellungssystems des Vorstellenden in der Vorstellung. Das Ego ist eine auftauchende Eigenschaft der Sprache, weit entfernt von der zentralen Maschinerie des Verstandes. In unserem Modell entstehen soziale Handlungen aus dem Spiel unserer Interessen, einschließlich des Selbstinteresses, aus unseren Vorstellungen über andere Menschen und aus der Situation, in der wir uns jeweils befinden. [9, 10]

Computergrafik der Entwicklung des Interessensystems, die die plötzlichen Ereignisse A zeigt. Hinzugefügt sind das Sprachsystem B und das Ich C.

II vi

Auch wenn dieses Modell Freud wenig verdankt, glauben wir, dass ein plausibles Modell des Verstandes auch einiges zum Begriff des Unbewussten und der Vorstellung des psychologischen Konflikts beitragen sollte. Wir bilden nicht ausdrücklich ein Modell des Unbewussten. Dennoch schlagen wir vor, dass es genauso wie es nur ein Minimums an Erregung eines Interesses bedarf, um eine Handlung auszulösen auch ein so geringes Maß an Erregung gibt, dass sie von dem Bewusstsein nicht wahrgenommen wird. Wir betrachten diese Schwelle nicht als scharf begrenzt oder plötzlich, sondern stellen uns vielmehr vor, dass es Interessen mit einem so geringen Erregungsniveau am Rande unseres Verstandes gibt, etwa vergleichbar Dingen, die wir am Rande unseres Blickfeldes wahrnehmen.


Niveaus des Unbewussten, des Bewussten und aktivierende Erregung

Unter den Interessen mit geringem Erregungsniveau sind jene an der entscheidenden Schnittstelle mit den motorischen und anderen Funktionen niederen Niveaus. Diese Schnittstelle erfordert nur minimale emotionale Erregung, die sicherlich unter der Bewusstseinsschwelle liegt. Tatsächlich ist es eher so, dass ihre Funktionsfähigkeit durch ständige bewusste Aufmerksamkeit gestört wird, wie jeder Sportler oder Künstler bezeugen kann. In unserem Modell ist der Wettbewerb zwischen den verschiedenen Interessen kein Symptom einer geistigen Krankheit, sondern die fundamentale Bedingung eines funktionierenden Systems. Verhaltensweisen sind Vektoren, deren Komponenten die Interessen darstellen, die miteinander im Konflikt stehen. Ein psychologischer Konflikt entsteht erst, wenn anziehende und abstoßende Interessen gleichzeitig erregt werden.

II vii

Das letzte Gebiet der Korrespondenz, dass ich in diesem kurzen Überblick erwähnen werde, ist die Biochemie. Es gibt in dem Modell einen Parameter, N, der das Maß an verfügbarer Aufmerksamkeit kontrolliert. Aufmerksamkeit ist die primäre Ressource des Modells. Ein Ansteigen des Wertes dieses Parameters N lässt auch die Aktivität ansteigen, ohne im übrigen den Status des Modells zu verändern. Dies kann als eine idealisierte Repräsentation eines Anstiegs in der Menge der verfügbaren erregbaren Neurotransmitter angesehen werden.

 

III. Zur Futtersuche geboren - ein Modell des Autismus

Wir haben in groben Zügen einige der Gebiete dargestellt, in denen unser Modell dem Alltagsverstand ähnelt, um das Verständnis dessen zu erleichtern, was wir meinen, wenn wir sagen, dass das Modell eine autistische Kalibrierung besitzt. Wir glauben, dass der Aufmerksamkeitstunnel oder der monotropische Zustand ein zentrales Verhaltensmerkmal beim autistischen Spektrum ist.[11,12,13,14]In unserem Modell wird das Maß, in dem der Verstand den monotropischen Zustand aufweist, durch einen einzigen Parameter, Ro, kontrolliert, der die Stärke des Feedbacks zwischen den Interessen regelt. Wenn der Parameter Ro auf einen niedrigen Wert eingestellt ist, werden zahlreiche Interessen auf relativ niedrigem Niveau erregt. Wenn Ro auf einen hohen Wert eingestellt ist, werden wenige Interessen in hohem Maß erregt. Wenn viele Interessen erregt werden, entsteht multiples, komplexes Verhalten. Wenn wenige Interessen erregt werden, werden wenige, stark motivierte Verhaltensweisen erzeugt.

Breite Erregung

polytropische Parameterisation Ro=1

InteresseHandlung

 

Tiefe Erregung

monotropische Parameterisation Ro=30

InteresseHandlung

Unser Verständnis der Mechanismen, die dem Aufmerksamkeitstunnel zugrunde liegen, haben zu einer verbesserten Intervention in Fällen mit der Diagnose Autismus geführt. Unsere Arbeit mit dem Animator Ferenc Virag, die viele von Ihnen verfolgt haben, entstand aus unseren Versuchen, das Kind dort abzuholen wo es ist, in seinen Aufmerksamkeitstunnel einzusteigen, mit ihm eine Reihe gegenseitig erregter gemeinsamer Interessen zu teilen. Dass wir uns für den den Computer als die Umgebung entschieden, in der wir den Aufmerksamkeitstunnel aufbauen wollten, entsprang ebenfalls unserem Verständnis dieser Mechanismen.[15]

Zusätzlich zur Bereitstellung einer Theorie, die durch Experimente überprüft werden kann, sind aber auch einige allgemeine Merkmale der Situation neuerdings offenbar geworden. Wir beobachten im Modell, dass die monotropische Kalibrierung lediglich eine mögliche Kalibrierung des Modells ist. Sie ist nicht mit dem Inhalt oder der Anordnung des Inhalts des Modells verknüpft.

Eine Theorie des Autismus

Für uns sieht es so aus, als ob das autistische Spektrum der Verhaltensweisen ein Zeugnis für das eine Extrem der Normalverteilung von Typen des Verstandes ist, das wir erwarten sollten angesichts der Umwelt, in der sich die Menschheit entwickelt hat.[16] Es ist ein Verstand, der für die Suche nach Nahrung in einer gefährlichen Umgebung optimiert ist, in der die Ressourcen knapp sind. Der Aufmerksamkeitstunnel, der den unbewaffneten Jäger mit der Beute verbindet, muss auf die unmittelbare, mit hohem Gewinn und hohem Risiko verbundene, Gelegenheit hin optimiert sein. Er muss eine Neigung dazu haben, das zu akzeptieren, was er sieht, selbst wenn es dem widerspricht, was er bis dahin gelernt hat. Er muss eher offen für die unmittelbar eintreffenden Daten sein als für prä-existente oder bereits erhaltene Informationen, muss offen für Hinweise dafür sein, wo sich künftige Futterressourcen finden lassen und weniger für das Wissen darüber, wo gegenwärtig Futter erhältlisch ist. Ein solcher Verstand muss eher eine Neigung zu tatsächlicher als zu buchstäblicher Information haben.

Ein solcher Verstand scheint die Bereitschaft zum Irrtum zu haben; tatsächlich aber ist dies die einzige Art von Verstand, die in der Lage ist, Entdeckungen zu machen, die über das Bekannte hinaus gehen, sowie Situation zu verwandeln. Nur der Irrtum für zu metamorphischen Entdeckungen.

Im Lichte dieses Verständnisses erscheinen verschiedene Paradoxa des Autismus weniger rätselhaft. Die Fähigkeit zu einem hohen Maß an sensorischer Schärfe ist für den Jäger entscheidend. Räumliches Denken ist dafür ganz offensichtlich eine notwendige Bedingung. Die Fähigkeit, Schmerzen zu ertragen, die Leiden, die mit einer Jagd auf lange Strecken verbunden sind, auszublenden und lange Zeit ohne Schlaf unterwegs zu sein, sind in diesem selektiven Prozess ebenfalls entstanden.

Die Fähigkeiten, die bei der Futtersuche erforderlich sind, ähneln denen, die im Krieg benötigt werden. Die Geschichten von Enkidu, Achilles, CuChoran, Herkules, Parzival, dem jungen Cornwall auf dem brennenden Schiff und die vieler anderer Kriegshelden bieten ein Kompendium der Aspekte des Syndroms. Die Geschichten der Helden bieten auch Beispiele für die Ausnutzung der Schwächen, die diesem Zustand eigen sind. Wir glauben, dass, wo die Fähigkeit zu extrem tiefer Erregung von Interessen vorhanden ist, oft eine geringere Fähigkeit zu breiter Erregung von Interessen besteht. Die Anpassungsvorteile für tiefe statt breite Aufmerksamkeit sind am deutlichsten auf dem Feld, nicht im Lager, am Rand, nicht im Zentrum, in der Krise, nicht in stabilen Zeiten. Menschen mit der Fähigkeit, sich sehr stark zu konzentrieren, fehlt meist die Fähigkeit, eine große Zahl an gleichzeitig erregten Interessen aufrecht zu erhalten.

Menschen mit der Fähigkeit, eine große Tiefe des Interesses zu entwickeln, die angepasst an das Erkunden am Rande des Bekannten sind, sind schwach darin, an ausgearbeiteten sozialen Aktivitäten mit geringem Risiko und geringem Gewinn teilzunehmen. Das liegt daran, dass die Sprache und das Ich die dichtesten und komplexesten Bereiche des Interessensystems sind, deren Modellbildung ein Maximum an Breite erfordert. Wir gehen davon aus, dass Aufgaben des Egos und der Sprache, wie sie üblicherweise ausgeführt werden, eine größere Breite der Erregung erfordern als sie in manchen Interessensystemen vorhanden ist. Viele der Probleme in Bezug auf die Gesellschaft, wie sie von als autistisch beschriebenen Menschen erlebt werden, sind das Ergebnis von verschiedenen Arten des Sprachgebrauchs und der Modellbildung des Egos, der Anderen und der Wörter zwischen ihnen.

Das andere Extrem dieser Normalverteilung von Typen dieses Verstandes besteht aus Menschen mit einem sehr breiten, aber nicht sehr tiefen Konzentration. Diese Kategorie enthält auch die von der Gesellschaft so hoch anerkannten Talkmaster und Politiker. Diese Menschen besitzen keine überdurchschnittlichen einzelnen Talente, doch haben sie die großartige Fähigkeit, Modelle über andere Menschen zu bilden, was ihnen die Macht gibt, soziale, statt tatsächlicher, Situationen zu manipulieren.

Wir können uns Autismus nicht als eine Krankheit vorstellen, die sich behandeln liese. [17]. Wir beobachten allerdings bei als autistisch beschriebenen Menschen eine Art von Verstand, die sie unfähig macht, eine konventionelle Beschäftigung zu finden. Wir betrachten aber diesen ökonomischen Rahmen als entscheidend für ein glückliches Ergebnis. Unter positiven Umständen haben Menschen mit der Fähigkeit zur tiefen Konzentration die großartige Fähigkeit, Talente zu erlernen, die über jene von Menschen mit einem breiteren Verstand hinausgehen. Die Kultur der Massenproduktion hat womöglich denjenigen mit einem tiefen Verstand die Gelegenheiten genommen, sich für die Gesellschaft als Entdecker physischer Ressourcen zu betätigen, aber sie hat auch ein riesiges Spektrum neuer Möglichkeiten eröffnet. Es sind jene mit dem tiefen Verstand, die die Fähigkeit haben, technische Anleitungen zu lesen, zu verstehen und anzuwenden, die in das raffinierte Labyrinth der Logik der Schaltkreise und der Computerprogramme eintreten können. Es ist der Verstand des Jägers, der keinen Sinn dafür hat, wie sonstwer denkt wie die Dinge getan werden müssten, der stattdessen selbst das Paradigma zum Wandel der Technologien erschafft. Eine angemessene Ausbildung würde viele geniale und kreative Menschen befähigen, an der Entwicklung teilzunehmen, die jetzt noch vollkommen vom Mainstream der Gesellschaft ausgeschlossen sind. Eine Ausbildung, die auf Verstehen beruht, könnte dieses scheinbare Problem in eine Chance verwandeln.

 

References

[1]Abrahams, R.L. & Shaw,C.D. (1988) The Visual Mathematics Library. Santa Cruz CA : Aerial Press.

[2]Allen, P. A. (1998) Cities and Regions as Self-organizing Systems, UK, Gordon and Breach.

[3]Eigen, M.E. & Winkler, R.(1983) Laws of The Game.:London: Allen Lane.

[4]Thom, R.(1975) Structural Stability and Morphogenesis. Reading Ma.:Benjamin Inc.

[5]Prigogene,I. & Stengers,I.(1987Autism Research Unit) Order Out of Chaos New York: Bantam Books.

[6]Tolman, E.C.(1948) "Cognitive Maps in Men and Rats" Psychological Rev.55.

[7]Artigiani, R.(1993) "From Epistemology to Cosmology" The Evolution of Cognitive Maps. Amsterdam: Gordon and Breach.

[8]Allen, P.A.and Lesser, M.(1991) "Evolution: Travelling in an Imaginary Landscape" Parallelism, Learning and Evolution. Berlin: Springer-Verlag. Allen, P.A.and Lesser, M.(1991) "Evolutionary Human Systems" Evolutionary Theories of Economic and Technological Change. Chur Sw.:Harwood.

[9]Murray, DKC. (1997) ‘Normal and Otherwise’ Durham conference Living & learning with autism: perspectives from the Individual the Family and the Professional

[10] Stern, Daniel N. (1985) The Interpersonal World of the Infant. New York: Basic Books.

[11] Murray, DKC (1992, 1993) Sunderland, Autism Research Unit, Durham conference papers

[12] Williams, Donna (1994) "In the Real World" Journal of the Association for Persons with Severe Handicaps vol19,3.

[13] Walker, A. J. (1997) Separate realities; a plain narrative of A'posteriori cognition: an analogue for comparisons with and between Asperger's syndrome and other autistic spectrum conditions. In: Living and Learning with Autism: Perspectives from the Individual, the Family and the Professional. Sunderland, England: Autism Research Unit. pp 19-27.

[14] Online see Jared Blackburn, David N Andrews and Gunilla Gerland, also read her eye-opening book (1996) A Real Person, Souvenir Press, London

[15] Lesser, M.& Murray,D. (1997)."Autism and Computing" Video Tape. London: Autism and Computing.

[16] Walker, Andrew, (1998) "What is the point of Autism?", Sunderland, Autism Research Unit, Durham conference papers; Edgar Schneider (1999) Discovering My Autism : Apologia Pro Vita Sua (With Apologies to Cardinal Newman) by Edgar Schneider; Jessica Kingsley Pub; ISBN: 1853027243

[17] Jordan, Rita, 1998, "Is Autism a pathology?" in Psychobiology of Autism: Current research and practice, Sunderland Autism Research Unit, Durham conference papers.

 

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