Monotropismus Hypothese

Dinah Murray, Mike Lesser und Wendy Lawson

aus Aufmerksamkeit, Monotropismus und die Diagnosekriterien für Autismus von Dinah Murray, Mike Lesser und Wendy Lawson, Autism, Vol. 9, No. 2, May 2005

aus dem Englischen von Rainer Döhle

Zu jedem bestimmten Zeitpunkt ist die Menge an Aufmerksamkeit, die einem bewusst wahrnehmenden Menschen zur Verfügung steht, begrenzt. Diese begrenzte Verfügbarkeit der Aufmerksamkeit spielt eine entscheidende Rolle im Alltagsleben. Die Annahme, dass die Aufmerksamkeit quantitativ begrenzt ist, wird besonders durch das begrenzte Angebot an Stoffwechselprodukten im Gehirn gestützt. Dies ergibt sich implizit aus dem in der gesamten experimentellen Psychologie verwendeten Konzept der Aufgabenanforderung. Die Autoren erklären, dass der Wettbewerb zwischen mentalen Prozessen um die knappe Aufmerksamkeit ein wichtiger Faktor bei der Formung des kognitiven Prozesses ist.

Es ist allgemein anerkannt, dass Fokus (Konzentration) ein Merkmal der Aufmerksamkeit ist. Dieses optische Bild kann aber auch ausgedehnt werden, sodass es die Aufmerksamkeitsspanne zwischen einem diffusen Licht auf der einen Seite und dem gebündelten Strahl einer Taschenlampe auf der anderen Seite umfasst. Das heißt, dass Aufmerksamkeit entweder auf viele Interessengebiete verteilt oder auf wenige Interessensgebiete konzentriert auftreten kann. Die Autoren schlagen vor, dass die Strategien, die zur Verteilung der Aufmerksamkeit angewandt werden, der Normalverteilung entsprechen und weitgehend genetisch bestimmt sind.

Wir schlagen vor, dass über die Autismus-Diagnose jene wenigen Personen ausgewählt werden, die sich am extremen Ende mit tiefem bzw. engen Fokus dieser Verteilung der Strategien befinden. Außerdem nehmen die Autoren an, dass soziale Interaktionen, der Gebrauch der Sprache und der Wechsel des Objekts der Aufmerksamkeit alles Aufgaben sind, die eine breit verteilte Aufmerksamkeit erfordern. Daher werden diese Aktivitäten behindert, wenn die verfügbare Aufmerksamkeit auf wenige erregende Interessensgebiete kanalisiert wird.

Unsere Hypothese besagt, dass der Unterschied zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen ein Unterschied bei den Strategien ist, die bei der Verteilung der knappen Aufmerksamkeit angewendet werden. Das heißt, es ist der Unterschied zwischen dem Vorhandensein weniger hoch-erregender Interessen, also der monotropischen Tendenz, und dem Vorhandensein vieler, nicht so hoch-erregender Interessen, also der polytropischen Tendenz. Ein erregendes Interesse ist ein Interesse, das mit Gefühlen aufgeladen ist. Wir benutzen den Begriff "Interesse" weitgehend so, wie es auch im gewöhnlichen Sprachgebrauch geschieht.

 

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