Eine autistische Freundschaft

Dinah Murray BA MA PhD

1995, “An Autistic Friendship” in Psychological Perspectives in Autism, Durham conference Psychological perspectives in autism

aus dem Englischen von Rainer Döhle

Der Hintergrund

Vor ungefähr fünf Jahren kam ich zum Thema Autismus als Linguistin, die sich intensiv mit der Rolle der Sprache beim Denken befasst hatte und der Vorstellung, dass mein Wissen über die normale Funktionsweise des Denkens mir dabei helfen könnte, die Fehlfunktionen beim Autismus zu verstehen. Seither habe ich versucht, herauszufinden, ob meine Annahmen richtig sind, zum Teil, indem ich einige Kinder mit Autismus recht gut kennengelernt habe, insbesondere einen, Ferenc Virag, der heute sechzehn ist. Ich habe ihn auf der freundschaftlicher Basis kennengelernt, nachdem mich der Leiter der Sonderschule, auf der er war, Bert Furze, darum gebeten hatte.

Als Bert mich bat, freundschaftliche Kontakte mit einem seiner Schüler aufzunehmen, kam das auch meinen eigenen Absichten sehr entgegen - auch wenn ich überhaupt noch nicht wusste, wie ich das angehen sollte. Da ich keine experimentelle Psychologin war, wollte ich mich in die Lage versetzen, eine Person mit Autismus in ihrem natürlichen Verhalten zu beobachten, auch in Bezug auf meine nicht.intervenierende Anwesenheit. Das war im Grunde genommen ein Experiment. Zum Glück traf ich in Ferenc auf jemanden, mit dem ich Interessen teilte. Wir mögen beide die Natur, das Licht, wie es gebrochen und reflektiert wird und die Schönheit, die darin liegt. Wir kontrollieren beide gerne Gegenstände: indem wir Dinge herstellen, sie schmelzen, Funken fliegen lassen; wir genießen auch beide das Potenzial, das Computergrafiken bieten. Wenn er frustriert ist, verletzt sich Ferenc manchmal selbst schwer, indem er in seinen Daumen beißt, bis er blutet, seine Stirn schlägt, etc. Er feilt seine Zähne, isst Insekten und testet Batterien mit seiner Zunge. Er ist zweisprachig, aber bleibt aus eigener Ebtscheidung stumm und er versteht Äußerungen bis zu einer Länge von vier Wörtern. Obwohl er nicht spricht, benutzt er sehr viele der Zeichen des Makaton-Systems, von denen ich selbst nur wenige verstehe.

Ein Großteil dieses Artikels sind anekdotischen Erlebnissen in meiner Beziehung zu ihm gewidmet. Ich versuche nicht, seine Identität zu verbergen, da er ein echter Künstler ist - ein Virtuose auf dem Gebiet der Animation - und weil er auch selbst sein Einverständnis zur Veröffentlichung der unten geschilderten Anekdoten gegeben hat.

Der autistische und der nicht-autistische Verstand: Spekulationen

Meiner Ansicht nach ist ein nützlicher Ansatzpunkt für das Verständnis des Unterschieds zwischen dem autistischen und dem nicht-autistischen Verstand der, dass, während die meisten von uns ko-aktive, also gemeinsam auftretende Interessen besitzen, die eng miteinander verknüpft sind (siehe Abbildung 1), jemand mit Autismus große Schwierigkeiten damit hat, mehrere Interessen gleichzeitig zu verfolgen. Ein gewöhnlicher Verstand kommt leicht mit Kontext klar, selbst wenn dieser aus jeder Menge aktiver und miteinander interagierender Menschen besteht. Der autistische Verstand dagegen besitzt einen extremen Aufmerksamkeitstunnel, das heißt, er ist monotropisch (siehe Abbildung 2). Ereignisse innerhalb ihrer Aufmerksamkeitstunnel können zu einer Überlastung führen, Ereignisse außerhalb der Aufmerksamkeitstunnel werden oft nicht integriert. Isolierte Interessensgebiete können dabei nicht genügend Verbindungen zwischen den Interessen bieten, damit der normale, ähnlich einer Verdauung funktinierende, Prozess der Erzeugung kognitiver Wirkungen erfolgen kann.

Wenn also etwas die Aufmerksamkeit von einem dieser Aufmerksamkeitstunnel ablenkt, ist die Wirkung abrupt und kann eine extreme oder schockartige Reaktion auslöden. Im normalen sozialen Miteinander nutzen wir ständig die Sprache, um Aufmerksamkeit zu binden und in das Denken anderer einzutauchen. Für eine extrem monotropische, das heißt autistische Person wirkt das Empfangen solcher Sprachsignale aber als ein herausforderndes Verhalten, da es sowohl Aufmerksamkeit einfordert als auch für die Person schwer zu kontrollieren ist. ("Geteilte Aufmerksamkeit" ist ein komplexes Konzept, das einer detaillierteren Untersuchung bedürfte als es hier möglich ist).

Anders als typische Kleinkinder können jene mit Autsimus diese hochgradig verbundenen Interessensysteme nicht so leicht entwickeln, was dazu führt, dass sie angesichts einer vielfältigen Umwelt eine Abwehrhaltung einnehmen. Veränderungen verwirren und beunruhigen sie. Während wir schnell komplexe Netzwerke von Netzwerken von Netzwerken aufbauen, braucht ein monotropischer Mensch viel Zeit alleine dafür, überhaupt Verbindungen zwischen Interessen aufzubauen - auch wenn Verbindungen innerhalb eines Interesses in manchen Fällen unendlich komplex werden können. Alle ihre Interessen sind stark modular und verkapselt, insbesondere besitzen sie einen isolierten lexikalischen und Wortbestand, was sie von einer wichtigen integrierenden Kraft ausschließt: Wortverbindungen umfassen normalerweise die gesamte Bandbreite der Interessen und verleihen diesen eine unveränderliche Struktur.

Der autistische Drang nach Kohärenz, der ebenso stark ist wie andere Triebe, ist daher auf eine lokale statt eine zentrale Operationsebene begrenzt. Einige monotropische Menschen sind allerdings in der Lage, sich für Themen zu interessieren, die sehr umfassend sind und auch ein umfangreiches Detailwissen beinhalten, solange die Grenze des Themas deutlich definiert ist. In einem solchen Fall erfassen sie das Thema als Ganzes besser als es eine typische Person könnte.

Die Beziehung

In den ersten etwas mehr als drei Jahren war ich ein regelmäßiger Begleiter von Ferenc und teilte seine Interessen, habe sie, wo immer es möglich war, gefördert, habe seine Handlungen auf ermutigende Art und Weise kommentiert und ihnen meine ganze Aufmerksamkeit gewidmet. Ganz offensichtlich gefällt ihm all das - und er hat sich im Laufe der Jahre meinen Einwendungen immer mehr angepasst und war auch immer mehr daran interessiert, mit mir zu kommunizieren. Ich glaube, das lag vor allem an einem besonderen Merkmal unserer Beziehung: Ich habe mich ihm gegenüber immer ko-tropisch verhalten, das heißt immer so, dass ich seine Interessen die meinen leiten ließ, sowohl in der Sprache als auch in den Handlungen.

Anekdoten

September 1992: Es ist einer unserer regelmäßigen Freitagnachmittage. Ferenc ist dabei, ein Projekt zu Ende zu bringen, bevor er seine Freizeit mit mir verbringt. Er ist soweit fertig, er muss nur noch seinen Namen schreiben, was er aber partout nicht will. Er sieht zu mir herüber, unsere Augen treffen sich für einen Moment, dann schiebt er das Blatt Papier und den Stift zu mir über den Tisch. Ich sage: "Es tut mir leid, Ferenc, aber ich glaube, ich bekomme Ärger mit Jo, wenn ich das für dich tue" (und das entsprach der Wahrheit). Sofort nahm er das Blatt zurück uns setzte seinen Namen darauf. Seitdem musste ich ihm mehrmals erklären, dass ich Ärger bekommen würde, wenn ich seinen Wünschen nachkommen würde: fast immer hat er dann ohne Aufhebens kooperiert.

Ich benutze in Bezug auf Autismus die Formulierung "extrem monotropisch", weil für das Down-Syndrom ein sanfter, langsamer, aber beweglicher Monotropismus charakteristisch zu sein scheint - ein Gedanke, zu dem ich aufgrund eines Kommentars von Marian Sigman gekommen bin und der durch meine eigenen Beobachtungen bestätigt wurde. Er korrelliert mit einer Reihe grundsätzlich andersartiger Verhaltensweisen, sowohl im Modell als auch bei den Menschen.

1992/93: Oben in der Schulaula gibt es ein Photo von Ferenc, wie er einen Preis auf der Chelsea Flower-Show überreicht bekommt, dafür, dass er in einem Gemeindegarten mitgearbeitet hat. Er führt mich in die Aula, um mir das Bild zu zeigen.

Mai 1993: Ich nahm an einem Ausflug von Ferencs Klasse teil. Man wartete auf die Lehrer, die spät dran waren. Die Kinder hatten nichts weiter zu tun, also hat ein Helfer sie gebeten, etwas zu tun, was ihnen allen ziemlichen Spaß macht, nämlich mit Instrumeneten, die man aus einer Kiste nahm, zu musizieren. Wie so oft steht Ferenc im Hintergrund in einer Haltung, die etwa auszudrücken schien: hoffentlich bemerkt mich keiner, dabei hat er den Kopf leicht gesenkt und die Lippen zusammengekniffen. Der Helfer wendet sich an ihn, Ferenc beißt sich heftig in den Daumen und geht dorthin, wohin ihn der Helfer bittet und setzt sich hin. Er sieht zu mir herüber und deutet mit den Augen in einer verschwörerischen Geste auf ihn, so kam es mir jedenfalls vor, und dabei lächelt er mich das erste Mal überhaupt an. Und ich lächle zurück, während er meinen Blick einen Moment länger als sonst aushält. Der Helfer bittet ihn, ein Instrument auszusuchen und er nimmt ohne zu zögern eine Triangeln und, nachdem man ihn wieder bittet, schlägt sie auch tatsächlich an und hört dann auf. Ich sage zu ihm: "Vielleicht macht es dir ja Spaß?" und wieder mit dem Ansatz eines Lächelns fängt er an zu spielen.

Anfang 1994 benutzt Ferenc einen Lötkolben. Er wartet darauf, dass ein Tropfen von dem Lötzinn von der Spitze heruntertropft, doch hält er den Kolben waagerecht. Ich sage: "Wenn du die Oberfläche verringerst..." und bevor ich den Satz noch vollenden kann, hält Ferenc den Kolben schon senkrecht.

1994: Ferenc hat offensichtlich ein echtes Faible für Computeranimationen; wir beschließen, seine Arbeit aufzunehmen, indem wir jede Seite, die er auf dem Bildschirm erstellt, einschließlich jeder Bewegung des Cursors, auf Video aufnehmen. Am Anfang gelingt es uns, zwei Kopien zu machen, eine für ihn, eine für uns. Die Kommunikation zwischen ihm und Mike, meinem Kollegen, dessen Beitrag zu diesem Projekt entscheidend war, lief von Anfang an ausgezeichnet, da sich Mike nur damit befasste, ihm dabei zu helfen, zu verstehen und zu kontrollieren, was gerade passierte.

Beim zweiten Mal gab es Probleme mit der Technik: Uns gelingt nur eine Aufnahme, obwohl wir eigentlich drei machen wollten, was wir dann beim nächsten Mal schafften. Ich sage: "Ach, Ferenc, macht es dir was aus, wenn ich die mit nach Hause nehme und sie die dann am Montagmorgen zurückgebe?" (das war zwei tage darauf). Er schüttelt heftig mit dem Kopf. Ziemlich verärgert biss ich mit den Zähnen aufeinander und ging aus dem Raum. Unterdessen geht, wie ich später erfahren sollte, Mike hoch zu Ferenc, der seine erbeutete Cassette festhält, schaut ihm fest in die Augen und sagt: "Ferenc, weißt du, Dinah möchte sie auch wirklich gerne haben..." Im nächsten Augenblick kommt Ferenc zu mir in die Küche, die Cassette an sich gepresst, beugt sich zu mir herüber und macht den angestrengten Versuch, die Cassette in meine Richtung zu reichen. Ich sage: "Oh, dann darf ich sie mit nach Hause nehmen...?" Er schüttelt wie immer heftig den Kopf, ich zucke mit den Schultern, sage: egal und stelle mich darauf ein, sie nie mehr wieder zu sehen.

Beim nächsten Mal gelingt es uns, weitgehend durch die Hilfe von Stuart Powell, einige Aufnahmen direkt vom Computer zu erstellen und außerdem Ferenc mit einem Camcorder zu filmen, sowie das, was wir gemeinsam mit ihm tun. Am Ende der Sitzung, als ich ihm seine Cassette geben will, lehnt er sie ab und gab zu verstehen, dass sie mir gehöre. Ich bin ganz gerührt, genauso wie als er mir einmal die letzten vier Ferrero Rochers über den Tisch schob (von denen ich vorher nur eines genommen hatte).

Juli 1994: Wir fahren zusammen in meinem Wagen, ein Ausflug über 70 Kilometer. Gerade als wir aus London herauskommen, geraten wir in einen Stau; er beißt sich in den Daumen, ich beiße auf die Zähne und fluche. Es kommt noch schlimmer: bei der nächsten Kreuzung ist eine Absperrung und die Fahrer werden gebeten, nach rechts oder links zu fahren, ohne, dass einem Näheres erklärt wird. Wieder fluchen wir beide, jeder auf seine Weise. Während wir mit der Hälfte der umherirrenden Wagen langsam weiterfahren, erkäre ich ihm, dass wir einfach bei der nächsten Kreuzung wieder in die richtige Richtung abbiegen müssten und ich zeige ihm auf der Karte, wo wir von unserem ursprünglichen Weg abweichen und wohin wir fahren mussten. Von da an (ohne, dass er auf die Karte geschaut hätte) bis wir wieder auf unsere Straße kommen, zeigt sich Ferenc ganz sicher, welchen Weg wir einschlagen müssten, selbst da, wo ich erst einmal zögere, und er stubst mich und zeigt mir an der nahenden Kreuzung, wohin wir zu fahren hätten. Nachdem er ein wenig auf seinen Daumen und ich noch ein wenig auf die Zähne gebissen habe, gelingt es uns schließlich, die Ruhe zu bewahren und am Ende an unser Ziel zu kommen.

Juli 1994: Wir gehen gemeinsam über einen langen Rasen als ein Katze zu uns kommt; ich streichle sie einen Augenblick lang, Ferenc bückt sich zu ihr und befühlt kurz ihren Schwanz; dann gehen wir, von der Katze begleitet, weiter. Schließlich breche ich das Schweigen, indem ich einen Gedanken ausspreche, den ich schon öfter hatte: "Ferenc," sage ich, "weißt du, ich denke oft, dass normale Menschen, also Menschen wie ich, eher wie Hunde sind, während Menschen wie du, Menschen mit Autismus, eher wie Katzen sind;" dann wende ich mich ihm zu und frage ihn, ob er versteht, was ich meine. Er nickt kräftig, dann erscheint er einen Augenblick zögernd, als wollte er mir sagen, dass er den Vergleich mit der Katze selbst verstehen würde (er hatte in seiner Familie selbst eine), aber dass er mit den anderen Menschen und den Hunden nicht so sicher wäre.

August 1994: Ferenc, ich und mein Hund gehen zusammen mit einigen anderen Wanderern auf einen Camping-Ausflug entlang des Hadrianswalls spazieren. Es gibt keine Stühle, also kommen wir für sechsunddreißig Stunden nicht zum Sitzen. Nachdem er von einigen Leuten überredet wird, geht er los und holt eine große Holzkiste, die auf dem Campinggelände so ziemlich die luxuriöseste Sitzgelegenheit ist. Er sucht sich einen Platz neben dem Feuer und setzt sich zu uns anderen dazu. Bei früheren Gelegenheiten hat seine Faszination fürs Feuer - besonders seine Vorliebe dafür, Plastik damit zu schmelzen und Funken fliegen zu lassen - für manche Spannungen gesorgt. Ruth war so klug, vorzuschlagen, dass er sich einen sicheren Platz suchen könne, wo er sich stundenlang damit beschäftigen könne, in einem glühenden Feuer zu schüren, sodass Funken ins Dunkel sprühen würden. Heute Abend gibt er sich, was das Plastikschmelzen angeht, mit einem Kompromiss zufrieden, indem er kleine Schnipsel in Folie packt und sie dann ins Feuer hält. Unglücklicherweise riecht das, trotz dieser sorfältigen Vorbereitung, so, als ob sie schmelzen würden und man schimpft mit Ferenc. Nachdem er den Kopf heftig zur Seite verrenkt, als könne er den Lärm herausschütteln wie Wasser im Ohr, steckt er den Finger tief in die Nase, die sofort stark anfängt zu bluten. Sofort verwandelt sich die wütende Stimmung in mitfühlende Besorgnis.

Er und ich sammeln Pilze, wobei er spontan einen Behälter für unseren Zweck auftreibt. Als der gefüllt ist, kehren wir zum Lager zurück und er läuft voran, rennt beinahe und, wieder spontan, bietet die Pilze den anderen an.

Zwei Nächte lang legt er sich kaum hin, schläft nicht. Er geht nicht in das Zelt, das für ihn aufgebaut wurde, er liegt sich auch nicht in eins der Zelte, die er ursprünglich mit anderen teilen wollte. In der dritten Nacht bringen wir ihn dazu, ein Zelt gleich neben meinem aufzubauen und seinen Schlafsack darin zu platzieren. Gegen ein Uhr nachts fängt es an zu regnen, jeder flüchtet in sein Zelt. Ferenc bleibt unbeweglich zwischen seinem und meinem Zelt stehen. Ich bitte ihn, sich zu bücken und hereinzukommen, zeige ihm, dass es hier drinnen sehr bequem ist und dass es draußen immer mehr regnet. Ich sage ihm, er brauche sich nur hinzuknien, dann würde ich ihm die Schuhe ausziehen und er sole doch daran denken, wie müde er sei. Er bleibt hart. Ich sage: "Ferenc, ich bin müde und ich kann nicht so lange wach bleiben wie du." Er zieht sich die Schuhe aus und legt sich hin.
Wir befinden uns an einer altrömischen archäologischen Stätte. Mit einem Stück Holz, das er aufgelesen hat, malt er in den Kiesboden ein Muster, geht immer wieder einen Schritt zurück, um zu sehen, wie es wirkt, und verbessert es dann hier und da. Ich bewundere seine Arbeit und sage ihm das. Später, auf dem Heimweg vom Campingplatz, gehen er und ich hinunter, um uns den Sonnenuntergang über den Hügeln am Horizont und den Wolken anzuschauen. Er stubst mich auf seine drängende Art und Weise und zeigt ausholend auf diese wunderbare Szenerie. Ich sage: "Ja, es ist phantastisch - das Licht und der Schatten." Dann füge ich hinzu: "Hey, Ferenc, weißt du noch, das Bild, dass du vorhin in den Kies gemalt hast?" Er bejaht. "Ich hatte das Gefühl, darin ging es auch um Licht und Schatten", und er nickte dazu entschieden.

Oktober 1994: Aufgrund äußerer Umstände kommen wir an einem Freitag erst nach mehrwöchiger Pause wieder zusammen. Normalerweise bin ich kurz nach viertel nach eins in der Schule, heute ist es beinahe schon halb zwei als ich atemlos durch das Schultor komme. Sheilah und Bojena erzählen mir, mit welcher Ungeduld ich erwartet werde. Sie haben Ferenc gesagt, wenn er sicher sein wolle, dass ich komme und nur einmal sprechen wolle, dann könne er mich anrufen und bei mir nachfragen. Offenbar hat er wirklich ernsthaft darüber nachgedacht. Als ich all das erfahre, bin ich im Leaver-Zimmer und er steht bereit, breit grinsend und geht zur Tür heraus und ich ihm nach, mit ihm zum Maschinenraum. Dort achtet er einzig und allein auf die (sehr sichere, gut gebaute) Elektrikanlage, mit der er in meiner Gegenwart bis zur letzten Klasse experimentierte.

Eines der interessantesten Dinge, die wir gemeinsam entdeckten, war, wie man ein glühendes "Element", das ausreichend heiß blieb, ohne den Sicherheitsmechanismus auszulösen und ohne den Stromkreis zu unterbrechen erstellen konnte. Es wurden verschiedene Kabellängen und -typen untersucht und die Spannung variiert, alles recht systematisch. Was wir auch beide sehr mögen ist die Art, wie Funken springen, wenn Ströme fließen. In einer Woche, als wir diese Dinge untersuchten, hat Ferenc eine ganze Reihe von winzigen Birnen leuchten lassen, indem er einen Stromkreis konstruierte, denn er zum Teil aus dem Triangel aus der Musikinstrumentenkiste zusammengebastelt hatte. In einer anderen Woche hat er viel Zeit damit verbracht, verschlungene Linien auf ein Stück Holz zu malen. Ich habe ihm erklärt, dass er bei dem, was er gemacht hat, dieselbe Technik benutze wie sie verwendet wird, um einen Lötkolben zu erhitzen. Er schaute zu mir herüber mit einem Ausdruck, der soviel ausdrückte, wie: Das ist ja wirklich hochinteressant! Jetzt verstehe ich!

Dezember 1994: es sind Schulferien, drei Tage vor Weihnachten, und ich habe Ferenc verfsprochen, dass wir endlich wieder nach Cardfields fahren. Als ich ihn (in seinem Pflegezentrum) abhole, grüßt er mich heftig mit dem C-Zeichen. "Ja! Wir fahren nach Carfields," sage ich und ein zufriedener Blick macht sich auf seinem Gesicht breit. Als wir ankommen, sind wir beide sofort überrascht wegen des neuen Holzstegs, der über den großen Teich gebaut worden ist. Ferenc will sofort auf ihm spazierengehen, kommt aber ohne Murren zurück als ich sage, dass wir besser erst den Besitzern hier Hallo sagen und nachfragen, ob es in Ordnung ist, auf den Steg zu gehen. Nachdem wir uns kurz das Esszimmer angeschaut haben - wo Ferenc wegen der neuen Tischdecken in leichte Aufregung gerät (es sind vielleicht die ersten neuen Tischdecken seit zehn oder fünfzehn Jahren) - gehen wir zurück zum zugefrorenen Teich.

Zweieinhalb Stunden lang brechen wir möglichst große Brocken Eis heraus. Ferenc entwickelt dazu eine ausgezeichnete Technik: Er holt sich einen großen Stock und benutzt ihn, um ihn so tief ins Eis zu stoßen, wie es geht; sehr schnell bildet sich ein Riss und ich angle wieder ein neues Stück Eis aus dem Wasser. Jeder Brocken wird dann auf die eine oder andere Weise in kleine Stücke gebrochen - durch vorsichtiges Kratzen, gründliches Hacken, Werfen und schließlich (aber nicht immer) dadurch, dass er sie auf seinem Kopf zerkleinert. Er lässt verschiedene Eisschollen klirren, holt mich, um mich es hören zu lassen, hält sie gegen die Sonne und schaut sich das Licht an, das durch sie hindurchgeht, lässt von dem verbleibenden Eis Scherben springen und wirft schließlich jedes von ihm als gut befundene Stück in die Luft, wo sie beinahe zu schweben scheinen, während sie sich drehen. Danach nimmt er mich, als ich ihn darum bitte, zu der Stelle im Feld, wo er vor Monaten einen genau gezirkelten Weg durchs Kornfeld gebahnt hatte (siehe Photo). Ich habe ihn gefragt, ob er sich noch daran erinnert, wie die Sonne stand als er den Weg gemacht hatte, und er nickte entschieden. Wie ich vermutet hatte, zeigte der Weg genau in die Richtung, in der die Sonne stand. "Dann hast du den Weg auf die Sonne ausgerichtet?" - wieder ein klares Ja. Als ich mir später das Photo dieses Weges genau angesehen habe, bemerkte ich eine leichte Abweichung von der Geraden, was daran lag, dass sich die Sonne, während er den Weg sorgfältig mit den Füßen bahnte, ein kleines Stück am Himmel weitergewandert war.

Ende 1994: Ferenc und ich wollen uns das Glas im Victoria und Albert-Museum im Londoner Stadtteil South Kensington aschauen. Am U-Bahnhof Archway nimmt mich Ferenc mit bis zu der Stelle auf dem bahnsteig, wo man in den Tunnel hineinschauen kann, der sich im Dunkel verliert. Er zeigt darauf und achtet darauf, dass ich seiner Aufmerksamkeit folge und mich auf dasselbe konzentriere wie er. Wir schauen einen Augenblick, gehen dann auf dem Bahnsteig etwas zurück. Dann zeigt er begeistert zwischen die Schienen, wo Ratten hin- und herrennen und sich über allen essbaren Müll hermachen. "Oh ja," sage ich, "sie passen auf, dass sie nicht an die Stromschiene kommen." Im Museum sind wir über das ausgestellte Glas etwas enttäuscht: Es ist viel zu viel durcheinander und man hat kaum Gelegenheit, einzelne Stücke in Ruhe anzuschauen. Für Ferenc ist das eindeutig zu viel und wir machen uns schon bald auf dem Weg hinunter zum Restaurant. Dort stellt er sich ordentlich an und stört den Eindruck des Normalen nur, als er am Kuchen schnuppert. Ich gebe ihm ein Stück Kuchen mit etwas Sahne und einer Limo; ich nehme einen Tee. Als ich gerade einmal meinen ersten Schluck Tee genommen habe, hat er schon alles verputzt und will mehr. Ich schaue nach meinem Geld und sage: "Gehst du und holst dir was, wenn ich dir das Geld gebe?" und er schüttelt heftig den Kopf. Also sage ich: "Tja, dann musst du wohl auf einen Nachschlag verzichten, denn ich will hier in Ruhe meinen Tee trinken." Da steht er auf, nimmt sich Geld genug für ein zweites Stück Kuchen, geht zur Theke, um sich eins zu nehmen, genau genommen, um sich zwei zu nehmen, wogegen ich schnell einschreite; dann geht er damit zur Kasse, zeigt es dem Kassierer, reicht ihm das Geld, wartet auf das Wechselgeld und kommt mit dem Kuchen zurück an den Tisch. So etwas hatte er vorher nur einmal getan und dabei stand er unter extremen Druck und musste zu jeden nächsten Schritt gedrängt werden. Ich sage ihm: "Gut gemacht," füge hinzu: "Es gibt noch eine ganze Menge, wozu du in der Lage wärst, Ferenc, weißt du das?" aber darauf hat er nicht geantwortet.

Als nächstes überqueren wir die Straße zum Wissenschaftsmuseum, das ebenfalls eine Galerie für Glas und Glasherstellung besitzt. Die finden wir deutlich besser als die des benachbarten Kunstmuseums. Ferenc besteht darauf, dass wir uns in einem alten, ständig wiederholten Film aus dem Jahre 1970 anschauen, in dem der Prozess der Glasherstellung in einer Glashüte gezeigt wird.

Auf dem Weg zurück warten wir an der Ampel darauf, dass wir in der Nähe der Schule über die Straße können. Ein Passant fragt mich etwas und ich bemerke darauf nicht gleich, dass es grün wird. Ferenc bemerkt es allerdings und schubst mich ungeduldig. Er erscheint immer in seine eigene Welt eingeschlossen, ohne dass er auf seine Umgebung achtet, wenn er Straßen überquert. Nach diesem Erlebnis weise ich ihn immer, wenn wir unterwegs sind, darauf hin, wieviel freier er wäre, wenn er lernen würde, eigenständig die Straße zu überqueren.

Weihnachten 1994: Ich fahre mit Ferenc zu mir nach Hause, um ihm meinen wunderbar geschmückten, sehr großen Weihnachtsbaum zu zeigen. Er schaut ihn sich kurz an, dann wendet er seinen Blick weg. "Ist es zu viel?" frage ich. "Ja!" nickt er entschieden.

Ende Januar 1995: Ich habe einen Glasmacher in der Gegend ausfindig gemacht, wo sie einem Besuch von uns an einem Donnerstagnachmittag zustimmen. Während wir uns dem nähern, sage ich Ferenc, dass er dabei wahrscheinlich selbst nicht sehr viel tun können wird. Er scheint das hinzunehmen.

Wir kommen in einen großen Raum mit Möbeln, Öfen und den verschiedensten Gerätschaften. Ferenc möchte gerne alles ausprobieren, aber ich sage: "Ich fürchte wir müssen warten bis jemand kommt und uns sagt, was wir anfassen dürfen." Von da an schafft er es mit Mühe, sich zurückzuhalten, aber die Minuten vergehen. Schließlich rufe ich an einem Aufgang nach jemandem und eine freundliche Leiterin, wohl die Dame, mit der ich den Besuch ausgemacht hatte, kommt herunter und fängt an, uns alles zu erklären. Ferenc hört genau allem zu, was sie erzählt, schaut auf die Gegenstände, deren Verwendung sie beschreibt, und er will auch eines davon haben, aber ich sage ihm, dass sie zu dem Herstellungsprozess dazugehören und nicht weggegeben werden können. In einem weiteren Raum drehten sich Räder zum Polieren und Schleifen von Gläsern, während eine Kunsthandwerkerin einen Stöpsel aus einem Glas formt, wobei Ferenc gebannt zuschaut. Als sie aufhört, nimmt Ferenc einen der vielen angefangenen Glasstöpsel, die auf die letzte Bearbeitung warten und man lässt ihn ihn gegen die Drehscheibe halten. Er hält ihn mit seiner wie immer ruhigen Hand und er formt sorgsam und sanft auf jeder Seite eine fast perfekte rechteckige Fläche.

Dann wird uns gesagt, dass die Nachmittagsschicht der Glasmacher losgehe, und Ferenc hört mit dem Schleifen ohne großes Widerstreben auf. In den nächsten anderthalb Stunden beobachten wir, wie die Gruppe aus drei Glasmachern ihre gekonnte Glasschmelzkunst vorführen, die darin gipfelt, dass eine große farbige Blase in ihre richtige Form geblasen wird. Ferenc schafft es, niemandem im Weg zu stehen, während er zugleich dicht an dem Prozess bleibt, mit dem sie beschäftigt sind. Als man ihm sagt, dass er selbst nicht mit geschmolzenem Glas arbeiten könne, nimmt er das gut hin. Aber sofort ist er dabei als er dann doch die Gelegenheit bekommt, mit einem kleinen Stück geschmolzenem Glas zu arbeiten, das für den Müll bestimmt war. Er nimmt ein Stück eines zerbrochenen Steins und drückt es sorgfältig in das langsam abkühlende Stück Glas.

Anfang März 1995

Es gab etwas Schnee, der in der Umgebung Londons, das selbst immer etwas wärmer ist, liegenblieb. Die Leaver-Klasse fährt einen Tag lang nach Saint Alban's nördlich von London, um dort den Schnee zu sehen. Als wir dort ankommen, dehnt sich vor uns das unberührte Weiß aus. Gleich darauf beginnt Ferenc damit, einen Schneeball zu rollen, bis er zu groß ist, um ihn weiterzurollen. Dann geht er ein paar Meter weiter und fängt an, den nächsten Ball in Richtung auf den ersten zu rollen. Er wird an seinen Platz verfrachtet, während ich noch mehr Schnee hole. Die anderen schauen sich derweil die Gegend an, während wir mit unserem Werk beschäftigt sind. Ein Schneemann ist es eindeutig nicht; sobald genügend Schnee da ist, fängt Ferenc an, ein Gebilde mit vier Ecken und glatten, leicht geneigten Seiten zu bauen. Ich sorge für weiteren Schneenachschub und finde einen langen geraden Stock, der von Nutzen sein könnte. Sofort benutzt Ferenc den Stock mit weiten, ausholenden Bewegungen, um die Seiten zu glätten. Unsere Zeit ist begrenzt und wir arbeiten fast anderthalb Stunden lang stetig ohne Pause. Als unsere Zeit dem Ende entgegen geht, sind wir fertig. Es ist eine stabile Stumpfpyramide aus festem Schnee, gut anderthalb mal anderthalb Meter an der Basis, einen Meter hoch und einen mal einen Meter an der Spitze. Wir holen die anderen, damit sie es sich ansehen; Ferenc steigt auf die Pyramide hinauf, die sein Gewicht locker trägt, und man spürt deutlich, wie stolz er ist.

März 1995

Bei der Schulversammlung zeige ich Harborough den Film, den Mike Lesser und ich mit Ferenc gedreht haben: auf der Titelseite stehen unsere Namen. Ferenc (der sich nicht sonderlich interessiert zeigte als ich ihm den Film, bald nachdem wir ihn fertiggestellt hatten, vorgespielt hatte) schaute ihn nun sehr aufmerksam an und eilte gleich, als der Film zu Ende war, zu mir und machte dabei das Zeichen für "mehr". In all diesen Monaten hatte es von seiner Seite keine Anzeichen dafür gegeben, dass ihm die Arbeit an den Animationen Spaß machte. Also hole ich ihn fünf Tage später in Hackney ab und bringe ihn mit zu mir. Wir gehen gleich nach oben zum Computer. Nachdem mein Sohn etwas geholfen hat, bekommen wir das Animationsprogramm zum Laufen und ich lasse Ferenc mit dem Computer allein, während ich die Treppen staubsauge. Als ich nach einer halben Stunde wieder reinschaue, hat er eine Sequenz aus zweiunddreißig Einstellungen geschrieben, in der fliegende Scheiben und Linien einander jagten. Ich gratuliere ihm dazu und sorge dafür, dass sie gespeichert wurde und mache mich wieder an die Hausarbeit. Als ich das nächste Mal zu ihm komme, sehe ich, dass er seinen Kurzfilm mit der von meinem Sohn Fergus mathematisch entwickelten Animation verbunden und seinem eigenen Film deutliche Anspielungen auf die von Fergus unabhängig erstellte Sequenz hinzugefügt hat.

Schlussfolgerungen

In unserem Modell gibt es keinen Grund, warum Andere nicht in die Vorstellungswelt eines Menschen in jeder Stufe ihrer Entwicklung einbezogen werden sollten. Meine Existenz hat einen festen Platz im Bewusstsein von Ferenc, sodass etwas, das mich betrifft auch ihn betreffen kann. Wieviel davon meinem ständigen ko-tropischen Verhalten zu verdanken ist, kann man nicht wissen. Aber Mikes ko-tropische Computer-Unterstützung scheint eine fast sofortige Wirkung auf Ferencs Haltung ihm gegenüber gehabt zu haben. Und ist es nicht so, dass wir alle gerne andere Menschen an unseren Interessen teilhaben lassen wollen? Und entdecken wir nicht alle, früher oder später, wie leicht andere Menschen und ihre Gespräche uns ablenken können? In dieser Hinsicht sind wir typischen Menschen die langsam Lernenden. Für mich war es sehr interessant und anregend, Ferenc kennenzulernen. Es folgt eine Zusammenfassung dessen, was ich dabei gelernt habe.

Geplantes und zweckgerichtetes Verhalten wird immer wieder gezeigt. Meiner Ansicht nach ist das Potenzial, Informationen aus einer Vielzahl von Interessen zu integrieren, das Einzige, was fehlt im Vergleich zu der Fähigkeit zum phantasievollen Vorausdenken eines typischen Menschen. Jeder, der einmal eine von Ferencs Animationen gesehen hat, wird erkennen, dass bei deren Erschaffung Vorausdenken mit im Spiel ist.

Damit Erfindungsgabe, Forschergeist, Kreativität hervorstechende Merkmale seines Verhaltens werden, benötigt es lediglich eine sichere materielle Umgebung.

Das Verstehen komplexer Abläufe - a) am Computer: Er hat ein deutlich besseres Wissen über das Animationsprogramm als ich es habe; b) in der Welt: Er hat kein Problem damit, die Bewegungen der drei Glasbläser vorherzusehen. Ich denke, wenn er dazu motiviert würde, könnte er auch längere Sequenzen bewältigen.

Er erfasst ausgezeichnet räumlich und physisch vorhersehbares Verhalten - was sich in seiner begeistert und effizient ausgeführten Fähigkeit zeigt, diese Verhaltensweisen zu kontrollieren, von der Präzision seiner Berührung und dem winzigen Maßstab, auf dem er arbeitet, wenn er mit seinem Elektronikbaukasten arbeit bis hin zu seiner fachmännischen Konstruktion der Schneepyramide, von seiner gekonnten Bearbeitung des Eises bis zu der ebenso gekonnten Bearbeitung räumlicher Variablen mittels eines professionellen Animationsprogramms.

Der Wunsch nach geteilter Aufmerksamkeit: Er zwigt mir regelmäßig, was ihn interessiert und tut das auch gegenüber allen Mitarbeitern der Schule, wenn sie sich auf ihn einstellen; wenn ich bei einer unserer Freitagssitzungen abgelenkt bin, dreht er manchmal meinen Kopf zurück; ganz offensichtlich teilt er mit mir die Begeisterung im Angesicht der wundervollen, hervorragenden, windumtosten Aussicht am Hadrianswall, wobei er immer wieder eine weit ausholende Geste machte, um sicher zu sein, dass auch ich daran teilhatte.

Selbst-Bewusstsein: Er betrachtet interessiert Photos seiner selbst; er schaut in Spiegel und betrachtet darin besonders seine Zähne; er macht Photokopien seiner Grimassen (siehe Abbildung); er hat mich mit zur Schulaula genommen, um mir ein Photo zu zeigen, auf dem er den Preis einer Blumen-Show überreicht bekommen hat; er nimmt im allgemeinen das Lob anderer für seine Arbeit an - er zeigt mir seine Arbeiten und zeigt sie auch denjenigen Mitarbeitern, die er mag (aber wohl nie anderen Schülern, soweit man ihn nicht auf einer Schulversammlung darum drängt); das Schulterzucken, dass er seit etwa einem Jahr entwickelt, scheint mir ein Bewusstsein seiner eigenen Grenzen anzuzeigen, ein Resignieren angesichts nicht perfekter Kontrolle - und das ist doch sicherlich ein wesentlicher Aspekt des Selbst-Bewusstseins.

Dass er ein deutliches Interesse zeigt, die oben beschriebenen Anekdoten zu hören, deutet auch auf einen Informationshunger in Bezug auf das eigene Ich - obwohl diese allgemeinen Schlussfolgerungen nicht seine Aufmerksamkeit fanden (siehe unten).

Bewusstsein für die Interessen anderer: a) Er zeigte wiederholte Bereitschaft dafür, dass Überlegungen zu unwilkommenen Wirkungen auf meine Interessen auch sein Verhalten beeinflussen; b) Er dachte auch nach Stunden daran, dass er die Ferrero Rochers nicht selbst aufessen sollte, obwohl ich ihm keinen Hinweis in dieser Richtung gegeben habe und auch er keine Veranlassung hatte, zu glauben, dass ich irgendwelchen Druck auf ihn diesbezüglich ausüben würde; c) Er entschied sich, mir die Kopie des neuesten Videos zu geben, das wir gedreht hatten, Wochen, nachdem Michael ihm gesagt hatte, dass ich die einzige Kopie gerne haben wollte (ich interpretiere hier etwas, was nicht in jedem Fall so sein muss); d) Er zeigte die Pilze den anderen und gab sie ihnen als wir unseren Campingausflug gemacht haben.

Er zeigt ein Verständnis regelmäßiger, manchmal komplexer ko-tropischer Sprache. Ich habe nie von oben herab mit ihm geredet und die gegenseitige Kommunikation ist in der Regel eindeutig. Bei einer Gelegenheit wartete er darauf, dass ein Tropfen Lötzinn vom Lötkolben tropfte, den er waagerecht hielt. Ich sagte: "Wenn du die Oberfläche reduzierst..." und bevor ich den Satz beendete, hatte er den Kolben senkrecht gehalten und so meine Gedanken durch pragnatische Kompetenz vervollständigt (oder war das nur purer Zufall?)

Als ich die oben aufgezählten Anekdoten Ferenc vorlas, habe ich mich entschuldigt und ihm erklärt, dass ich wollte, dass er zuhört, damit ich sehe, ob auch er sich an das erinnert, woran ich mich erinnerte. Ich habe ihm auch erklärt, dass ich wissen musste, ob es für ihn in Ordnung ist, wenn andere Menschen das lesen würden. Er schien interessiert zuzuhören und folgte gespannt (obwohl ich später den Versuch aufgab, ihm auch diese allgemeinen Schlussfolgerungen vorzulesen: er zeigte für sie keine Aufmerksamkeit; vielleicht sind sie nicht konkret genug? Oder sie sind zu komprimiert?)

Ich blieb die ganze Zeit über dicht an meinem Text und habe nur hier und da etwas vereinfacht und ich habe regelmäßig ein Nicken bei meinen jeweiligen Erinnerungen bekommen. Bei der Hälfte des Textes habe ich ihn gefragt, ob er nur nicke, weil das für ihn einfacher sei. Er schüttelte den Kopf. Als ich ihn fragte, ob er wüsste, was es bedeutete, gab er mir zu verstehen, dass er "Kompromiss" verstanden hatte.

Ich muss mich, wie üblich, bei Mike Lesser für seinen anregenden und kritischen Beitrag über viele Jahre bedanken. In diesem Jahr geht ein besonderer Dank an ihn weil er so viel Zeit und Energie geopfert hat, um Ferenc mit seiner Computeranimation voranzubringen und dafür, Mittel und Wege zu finden, diese aufzuzeichnen. Außerdem waren er und Robert Tasher so freundlich, die Abbildungen zu den monotropischen und polytropischen Interessensystemen zu fertigen, die ich benötigte.

 

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